Madame Yoko aus Ell rockt nicht nur bei „Drag Race Belgique“ die Bühne

Mai 28, 2024 | Articles de presse, News, Presse

Luxemburger Wort Weekend – 17/02/2024
Manon Kramp – Claude Piscitelli

Mit Stil und Humor punktet Ian Lejeune in der aktuellen Staffel der kunterbunten Fernsehshow. Seine Madame Yoko und sein Cabaret „Barnum“ in Redingen/Attert sind weit über die Grenzen Luxemburgs hinaus bekannt.

Madame Yoko in ihrer gelben Kreation zum Thema "Drache nationale".

Szene aus Folge 1 von „Drag Race Belgique“: Madame Yoko punktet beim Drag-Race-Challenge „Drache nationale“ mit einer voluminösen Trench-Kreation, die an das Sprichwort „auf Regen folgt Sonnenschein“ anlehnt. (Foto: RTBF)

 

Ian Lejeune zupft seine langen, falschen Wimpern zurecht und zwinkert seinem Spiegelbild zu. „Jetzt bin ich Madame Yoko“, sagt er mit lasziver Stimme. „In dem Moment, in dem ich die Wimpern anklebe, spüre ich die Verwandlung. Ich spreche dann sogar anders.“

Doch noch ist die Mutation zur Dragqueen Madame Yoko nicht vollendet. Bis Lejeune, der in Vietnam zur Welt kam und als Kind von einer Familie aus dem belgischen Martelingen adoptiert wurde, als schöne Asiatin die Zuschauer in ihren Bann ziehen kann, sind neben etlichen Schichten Make-up, Glitzerlidschatten und pinkem Lipgloss noch einige Anstrengungen nötig.

Ian Lejeune verwandelt sich in Madame Yoko. Foto: Claude Piscitelli

Ein feiner Schleier aus losem Puder hat sich derweil über die zahlreichen Schminkutensilien vor den drei beleuchteten Spiegeln gelegt, von einer mit Pinseln gefüllten Tasse lächelt das Konterfei des Queen-Sängers Freddie Mercury im Hausfrauen-Drag-Look des Songs „I want to break free“, dessen Video 1982 prüden Fernsehsendern und Zuschauern einen moralischen Schluckauf bescherte, aber zu einer Hymne der Schwulen-Szene wurde.

In der kleinen Künstlerloge wäre etwas mehr Bewegungsfreiheit nicht schlecht. Denn neben Madame Yoko bereiten sich zwei weitere Dragqueens auf ihren Auftritt vor: Tara Jackson, die aus Paris angereist ist und als Soulinterpretin glänzt, und die Luxemburgerin Miss Calima, mit jeder Menge Schlagerhits zum Mitsingen im Gepäck. Sie sind Madame Yokos Gäste für die Samstagabendshow im „Barnum Brasserie – Cabaret Madame“, das Ian Lejeune seit Januar 2019 gemeinsam mit seinem Partner Alex Goedert in Redingen/Attert betreibt. „Das einzige Cabaret dieser Art in Luxemburg“, wie er betont. Beide wohnen nur einen Katzensprung entfernt in Ell.

Et voilà! Madame Yoko in all ihrer Schönheit. Foto: Claude Piscitelli

Die Stimmung in der Loge ist locker. Die drei Dragqueens kennen und schätzen sich – was sie nicht davon abhält, sich Frotzeleien an den Kopf zu werfen. „Alles nett gemeint“, lacht Madame Yoko. „Biestig und zickig“ gehöre zur Show.

Sie setzt sich eine Perücke mit langen roten Haaren auf und schlüpft in ein hautenges blaues Spitzenkleid. Darunter sorgt ein gepolsterter Büstenhalter für Kurven. „Ich bin eher wie ein V gebaut“, sagt sie. Je nach Kostüm wird der Weiblichkeit auch mit Korsetts und Hüftpolstern unter hautfarbenen Strumpfhosen nachgeholfen. Rein in die Plateau-Pumps, fertig!

 

Kampf um die Krone

Es läuft gut für die 33-jährige Dragqueen. Derzeit steht Madame Yoko in der zweiten Staffel der TV-Show „Drag Race Belgique“ im Rampenlicht. Diese verspricht Glamour, Kreativität und viel Drama. Die Konkurrenz ist groß, doch die einzige Teilnehmerin aus Luxemburg macht eine gute Figur und beweist ihr Gesangstalent, Charme und Humor.

Dabei hatte sie eine Anfrage der Produktionsfirma zunächst abgelehnt. „Ich bezweifelte, dass dieser Wettbewerb geeignet war, um die Facetten zu zeigen, die ich von mir präsentieren wollte. Und da war noch die Arbeit im ,Barnum‘“, erzählt Ian Lejeune. Aber alle Künstler um ihn herum hätten ihm geraten, mitzumachen. „Also sagte ich mir ‚Du hast keine Ahnung, worauf Du Dich einlässt, aber tu es‘, und bewarb mich – ich musste dennoch, wie alle anderen, die Auswahlkriterien durchlaufen.“ Die Zusage kam innerhalb von drei Wochen.

Ian Lejeune war dabei, musste dafür aber auf seine Kandidatur für den Luxemburg Song Contest verzichten. „Es war organisatorisch nicht möglich, mich auf beide Veranstaltungen gleichzeitig vorzubereiten. Es war einfach zu stressig“, sagt Lejeune. „Nächstes Jahr werde ich auf jeden Fall mitmachen.“

Die komplette Staffel von „Drag Race Belgique“ wurde im September 2023 gedreht. Zwei Folgen der Show wurden zum Zeitpunkt des Treffens im „Barnum“ bereits auf dem belgischen Sender Tipik ausgestrahlt, aber Lejeune darf nicht verraten, wie weit er gekommen ist. Er spricht jedenfalls von der Sendung als „eine Erfahrung, bei der ich aus mir herausgehen musste, um voranzukommen“.

Ihren ersten Auftritt in der Fernsehshow „Drag Race Belgique“ absolviert Madame Yoko in einem funkelnden, schneeweißen Minikleid. Foto: RTBF

Er sei es gewohnt, Dinge selbst zu entscheiden. Seine Karriere habe er auf der konstruktiven Kritik anderer Künstler aufbauen können, „jetzt stand ich allein da und musste mich Herausforderungen stellen, die einerseits technisch anspruchsvoll waren, wie die Couture-Challenge, die mir sehr lag, aber auch völlig absurd, wie das Rodeo auf einem Einhorn oder der Karate-Gag“. Doch gerade bei Letzterem ging Madame Yoko als souveräne Siegerin hervor.

Die Jury, bestehend aus der frankokanadischen Diva Rita Baga, den belgischen Sängern und Schauspielern Mustii und Lio sowie wechselnden Gastjuroren, war von Madame Yoko angetan, aber es gab auch Kritik. „Eine solche Bewertung ist immer subjektiv, sie muss einem nicht gefallen, aber so ist das Spiel“, sagt Lejeune. „Man stellt uns in ein Schaufenster, das Ziel der Show ist es schließlich, den Zuschauern ein Spektakel zu bieten.“

In der Talent-Challenge von Episode 1 singt Madame Yoko ein emotionales Lied und enthüllt nach und nach die unter ihrem Outfit versteckten Tattoo-Botschaften über Toleranz und Freiheit. Foto: RTBF

Im Gegensatz zu anderen Konkurrentinnen setzt seine Madame Yoko lieber auf authentische Emotionen statt auf dramatische Opulenz. In einem maßgeschneiderten weißen Minikleid mit Strassbesatz in Form von Kristallspitzen legte sie einen selbstbewussten ersten Auftritt hin. Stilvoll punktete sie auch in ihrem blauen Hosenanzug mit bauchfreiem Oberteil und Cape. „Du siehst aus wie David Bowie als kleiner Prinz“, schwärmte Jurorin Lio. Die rote Pagenkopfperücke sei leider zu unspektakulär, kritisierten andere Jurymitglieder.

 

Der Moment, der alles veränderte

Die Kandidatin aus dem Großherzogtum schlägt sich demnach gut, dabei verdankt Madame Yoko ihre Existenz eigentlich einem Zufall. Bis zu einem Abend im Jahr 2015, der sein Leben verändern sollte, deutete nichts darauf hin, dass der studierte Innenarchitekt Ian Lejeune einmal Karriere als Dragqueen machen, geschweige denn als „Meneuse de revue“ eine eigene Show in Luxemburg präsentieren würde.

Seinen Studienabschluss machte Lejeune an der Esa Saint-Luc in Brüssel. In der belgischen Hauptstadt entdeckte er auch die Welt der Dragqueens – bei einem spontanen Abstecher ins „La Boule Rouge“, wo die „Live Drag Show“ einer gewissen Catherine d‘Oex ankündigt wurde. Der Auftritt der Schweizer Drag-Künstlerin sollte zum Wendepunkt in Lejeunes Karriere werden. „Ich hatte mir Playback erwartet, aber Catherine sang ihre Chansons selbst. Ich war hin und weg von ihr, besuchte die Show mehrmals und fragte sie nach einiger Zeit, ob ich mit ihr singen dürfe.“

Wenn Madame Yoko auftritt, kocht die Stimmung im „Barnum“ hoch – tanzen ist erwünscht. Foto: Claude Piscitelli

A Star is born

Erstmals auf der Bühne stand Ian am 16. April 2016. Noch nicht als Madame Yoko, sondern als Lady Sushi. „Ich mochte diese Selbstironie, die Anspielung auf Lady Gaga und meine vietnamesischen Wurzeln“, sagt er. Als seine Dragmama, eine Art Mentorin, nahm ihn Catherine d’Oex unter ihre Fittiche. „Sie schminkte mich zum ersten Mal, es war nicht perfekt, aber ich fühlte mich verwandelt, schön.“ Der Auftritt war für ihn eine Offenbarung und legte den Grundstein für seine zweite berufliche Karriere.

Diese Leidenschaft für Verkleidung und Bühne hat Lejeune bis heute nicht losgelassen. Davon zeugt die mit unzähligen extravaganten Kleidern, Kostümen und Accessoires vollgestopfte Garderobe, die einer Schatzkammer gleicht: Pailletten, Glitzer, Gold- und Silberschmuck, Diademe, Satin, Spitze und schillernde Farben wohin das Auge blickt. Dazu Schuhe mit zum Teil astronomisch hohen Absätzen, falsche Brüste und üppige Perücken. „Ich bevorzuge Echthaar, das ist leichter und man schwitzt nicht so darunter“, sagt der Travestiekünstler. Ein Outfit wiegt schnell mehrere Kilos, vor allem die mit Strass besetzten Kleider.

 

„Es ist widernatürlich …“

Der Weg zum Erfolg war steinig. „Als Dragqueen wird man mit vielen Vorurteilen konfrontiert wie ‚Es ist bizarr, es ist widernatürlich …‘“, seufzt Lejeune. Seine Familie lebe auf dem Land, sie sei nicht konservativ, aber es sei kompliziert, sich außerhalb der Norm zu bewegen. „Auch mein Coming-out war nicht einfach“, bedauert Ian Lejeune. „Für viele ist eine Dragqueen zudem ein Mann, der eine Frau werden will. Doch hier wird etwas Grundlegendes verwechselt, Drag hat nichts mit Transsexualität oder Geschlechtsangleichung zu tun. Ich bin ein Schauspieler, der eine Frau spielt.“

Drag hat nichts mit Transsexualität oder Geschlechtsangleichung zu tun. Ich bin ein Schauspieler, der eine Frau spielt.
Ian Lejeune
Dragqueen Madame Yoko

Er gesteht, ein eher schüchterner Mensch zu sein. Die Maske der Madame Yoko bilde eine Schutzmauer, die es ihm erlaube, andere Facetten seines Charakters zu zeigen. Dragqueens würden sich auch von den Transformistinnen unterscheiden, die mithilfe von Playback bestimmte Künstlerinnen imitierten. „Eine Dragqueen erschafft ihr eigenes Alter Ego“, erklärt Lejeune. „Madame Yoko ist eine Kunstfigur, die ich auf der Bühne zum Leben erwecke. Mein Act ist eine stimmliche und ästhetische Performance. Ich bleibe dabei ich selbst und verändere meine Stimme beim Singen nicht“, erzählt Ian Lejeune.

Madame Yoko will mit ihren Songs echte Emotionen vermitteln. Foto: Claude Piscitelli

Nichts Anrüchiges

Manche Männer hätten auch eine etwas verquere Vorstellung von einem Cabaret, sie verwechselten es mit Etablissements, wie sie beispielsweise rund um den Bahnhof in Luxemburg-Stadt florieren. Es hätten sogar Herren nachgefragt, ob es im Keller des Restaurants Séparées für gewisse Stunden gäbe. Andere hätten sich am Telefon nach besonderen Dienstleistungen erkundigt.

„Sie haben wohl den Begriff ,Drag‘ falsch interpretiert“, lacht Madame Yoko. Dieser komme nämlich nicht vom französischen Wort „draguer“ für anmachen oder aufreißen – auch wenn man die Kunden gerne necke und das Spiel mit den Geschlechterrollen durchaus eine sexuelle Note habe.

Drag sei eine Abkürzung für „dressed as a girl“ (als Mädchen gekleidet) oder „dressed resembling a girl“ und stamme aus der Zeit Shakespeares, in der Frauen das Theaterspielen verboten war und Männer in Mädchenkleidern die weiblichen Rollen übernahmen. „Diese Tradition reicht bis in die Antike zurück“, erzählt Madame Yoko.

Es gebe auch Dragkings, also Frauen, die in Männerrollen auftreten. „Ich kenne aber leider niemanden, der das in Luxemburg macht“, sagt sie. Mit lesbisch oder schwul sein habe Drag ohnehin nichts zu tun. Als Dragqueen engagiere man sich auch nicht direkt für LGBTQA+-Belange. „Im ,Barnum‘ weht nicht mal eine Regenbogenfahne, wir feiern unsere Kreativität. Aber dass es uns gibt und wir uns hier zeigen, ist schon eine softe Form von Aktivismus.“

Aufwändige Kostüme, Lieder zum Mitsingen und jede Menge gute Laune: Bei Madame Yokos Show sollen die Zuschauer den Alltag vergessen. Foto: Claude Piscitelli

It‘s Showtime

Eine Dragqueen treibt das Spiel der Travestie auf die Spitze. „Das Burlesque-Cabaret basiert auf der Übertreibung. Eine Dragqueen kann komisch, divenhaft oder dramatisch sein. Wir sind Entertainer, die Zuschauer kommen, um sich unterhalten zu lassen, um sich zu amüsieren, zu staunen, zu tanzen und zu lachen.“

Humor spielt in diesem Metier eine wichtige Rolle. Das weiß auch das bunt gemischte Publikum, das sich im lauschigen Cabaret unter dem Dach des „Barnum“ versammelt hat. „Zu uns kommen Gäste jeden Alters. Die Frauen sind etwas mutiger als die Männer“, sagt Madame Yoko. Das liebevoll inszenierte Sammelsurium an Dekorationselementen verleiht dem Raum seine einzigartige Vaudeville-Atmosphäre.

Aber psst! Die Eröffnungsmusik aus dem Film „The Greatest Showman“ ertönt. Eine strahlende Madame Yoko im rot-goldenen Kimono schwebt die Treppe zur Bühne hinunter und der Zauber beginnt zu wirken. It‘s Showtime, Ladies!

 

« RuPaul’s Drag Race »

(mij) – Wer ist die beste Dragqueen des Landes? Diese Frage stellte die erfolgreiche und TV-bekannte Dragqueen RuPaul alias RuPaul Andre Charles, die 1993 bereits ein Duett mit Elton John aufnahm, erstmals 2009 in der TV-Show „RuPaul’s Drag Race“ in den USA: Gemeinsam mit festen und wechselnden Jurymitgliedern – darunter bereits Lady Gaga und Charlize Theron – bewertet RuPaul in jeder Staffel die Looks und die Auftritte von rund einem Dutzend Dragqueens, die in verschiedenen Wettbewerben („mini challenges“ und „maxi challenges“) gegeneinander antreten und um die Krone kämpfen.

Anfang 2024 startete die 16. Staffel der Show in den USA, zudem gibt es neben zahlreichen Sonderformaten auch Franchises auf vier Kontinenten, darunter „Drag Race Down Under“ (Australien und Neuseeland), „Drag Race Phillipines“ und „Drag Race México“. Die meisten Showableger existieren in Europa: 2022 startete die erste Staffel „Drag Race France“, im vergangenen Jahr wurde die erste Staffel „Drag Race Germany“ (Deutschland, Österreich, Schweiz) ausgestrahlt. In Belgien feierte die Show im vergangenen Frühjahr Premiere, die zweite Staffel „Drag Race Belgique“ ist seit dem 1. Februar dieses Jahres auf dem Sender Tipik zu sehen. Alle Staffeln des Formats sind auch über die internationale Streamingplattform WOW Presents Plus abrufbar.